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Warum mich das Thema Info-Kompetenz neulich so angeätzt hat

Dämliches Bullshit-Bingo-Gemälde

Sorry!

Eigentlich wollte ich dieser Tage einen 100-Tage-im-neuen-Job-Artikel verfassen. An seiner Stelle ein paar Auslassungen zum Thema Informationskompetenz – vor allem motiviert dadurch, dass ich mich ein wenig schäme: Saß ich doch am Freitag mit einem Haufen wunderbarer und kluger Kolleginnen und Kollegen aus meinem neuen Lieblings-Bundesland Niedersachsen zu selbigem Thema zusammen und war mir dennoch nicht zu blöd, meine frustigen Langeweile-Gemälde bei Facebook zu posten. Das hat dortselbst zwar für Amüsement gesorgt, ist aber nicht eigentlich lustig und schon gar nicht professionell.

Was war geschehen?

Das Thema Informationskompetenz wird in manchen Sitzungen – für meinen Geschmack zumindest – zu hoch aufgehängt. Landesweite Strategien, Standards, Führerscheine für Medien- und Informationsbenutzung von der Wiege bis zur Bahre… Ich bin dann immer ganz gelähmt von der Größe der Mission, der wir uns stellen wollen, und aus der Lähmung wird dann rasch Zynismus, siehe besagtes Bullshit-Bingo-Gemälde bei Facebook. In der Rolle des selbsternannten Advocatus diaboli habe ich mir dann eitlerweise gefallen, aber so ganz verlassen hat mich meine Skepsis nicht.

Ich habe 1998 meinen ersten bibliothekarischen Abschluss erlangt. Damals erlebte das Thema „Benutzerschulungen“ gerade wieder so eine Art zweiten Frühling, mit all den tollen neuen Online-Datenbanken, die der „Endbenutzer“ ohne Kenntnis von Abfragesprachen benutzen konnte. Dass die Vermittlung von Kenntnissen in der Recherche, Beurteilung, Beschaffung und Verwaltung von wissenschaftlichen Informationen mal eine zentrale Rolle im Berufsbild der Bibliothekarin spielen würden, war damals noch nicht wirklich abzusehen. Aber das Thema Informationskompetenz/Teaching Library hat gute und erstklassig engagierte FürsprecherInnen gehabt befindet sich jetzt in einem scheinbar immerwährenden Frühling.

Ich habe mit dem Thema IK mein erstes Geld verdient und bin ihm deswegen auf ewig verbunden. Nichtsdestotrotz habe ich so meine Zweifel, was das bibliothekarische Engagement in diesem Bereich angeht. Hier ein paar Thesen, die meine etwas ätzende Laune von Freitag (halbwegs) versachlichen:

  1. Die IK-Aktivitäten sind aber auch deswegen so sehr ins Zentrum gerückt, weil sie gut dafür taugen, eine Daseinsberechtigung von Bibliotheken bilden.
  2. Deswegen mögen DirektorInnen das Thema jetzt doch.
  3. Trotzdem gibt es zu wenig begeisterte und begeisternde Lehrende für IK, um den vollmundigen Positionspapieren (ein Beispiel: das der BID) gerecht werden zu können.
  4. Das wiederum ist ein Personal- und Organisationsentwicklungsproblem erster Güte.
  5. Klar: 2 Stunden „Sendezeit“ für bibliothekarische Themen im Rahmen einer Erstsemester-Einführung sind toll. Aber das ist Marketing, nicht Informationskompetenz-Vermittlung.
  6. Der Sendezeit-Gedanke steht einer gründlichen Auseinandersetzung mit Formen, Publikations- und Verzeichniswegen von wissenschaftlicher Literatur im Weg.
  7. Die Vernetzung von Bibliotheken und Lehrenden ist nicht eng genug, um authentisch für die Notwendigkeit der Kompetenzen zu werben und diese fach- und situationsbezogen zu vermitteln.
  8. Lehrende – besonders ProfessorInnen – sehen es nicht notwendigerweise gern, wenn wir ihren Studierenden erklären, was unserer Meinung nach relevante Literatur ist. Das Dilemma ist aber, dass sie keine Zeit haben, ihre Strategien für die Recherche und Evaluation wissenschaftlicher Information zu erklären.
  9. Studierende akzeptieren die Umständlichkeit der gängigen Informationsmittel nicht. Über SchülerInnen in wissenschaftlichen Bibliotheken möchte ich nicht sprechen.
  10. Wir müssen Discovery und Delivery dringend verbessern. Wie soll ich sonst erklären, was genau an den Ergebnissen der Suche in einer Fachdatenbank toller ist, aber warum die ungefähr 20-mal so lange dauert wie bei Google?

In frühlingshafter Milde ein paar (hoffentlich) konstruktive Vorschläge, wie man das große Wort Informationskompetenz sinnvoll füllen könnte. Als eine Art Abbitte für das Gemecker:

  1. IK im Kleinen leben:  In jedem Auskunftsgespräch den „Teachable Moment“ finden, also persönlich und leidenschaftlich sein!
  2. Auf Lehrende zugehen und ihnen Besuche in ihren Kursen anbieten.
  3. Es aber den Lehrenden überlassen, die Studierenden für die Suche nach den höher hängenden Früchte der Fachinformation zu motivieren.
  4. Noch mal genauer darüber nachdenken, was man mit der kostbaren Sendezeit bei den Erstsemestern anfängt. Vielleicht wirklich mit den Publikationsformen und -wegen der wissenschaftlichen Literatur anfangen.
  5. Den Erstsemestern Gutscheine anbieten für fünf professionell recherchierte Artikel im Wert von 100 Euro aus wissenschaftlichen Datenbanken. Just to feel the difference.
  6. Die KollegInnen, die wirklich gerne unterrichten, Angebote mit Credit Points übernehmen lassen oder auch sonst so richtig Gas geben lassen. Natürlich nur bei Präsenz-Veranstaltungen. Über E-Learning möchte ich nicht sprechen.
  7. Mehr Zeit in niedrigschwellige, individuelle Beratungsangebote investieren, zum Beispiel durch Beteiligung an Aktionen wie der „Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeit“.
  8. Dabei und auch sonst die Vernetzung mit anderen Einrichtungen in der lokalen Hochschule  suchen, die neben uns auch noch Rettungsanker für verzweifelte Haus- und Abschlussarbeits-AutorInnen sind: Rechenzentren, Schreibberatungen, Career Center…
  9. Mehr Zeit, Geld und (bibliothekarisches!) Know-How darein investieren, gerade ungeübten NutzerInnen die Suche nach wissenschaftlich relevanter Literatur zu erleichtern (genau: ich meine ausgefeiltes Relevanz-Ranking oder solche Plattformen mit Lehrbüchern und anderen Einsteiger-Materialien wie den Wiener Van-Swieten-Katalog)
  10. Mehr Zeit darein investieren, gute Worte zu finden. Unter Informationskompetenz oder Teaching Library kann sich kein Mensch außer uns was vorstellen.

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