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Der lokale Raum

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Öffentliche Bibliotheken sind lokale Bibliotheken. Egal, wie sehr sich große Bibliotheken national und international orientieren, wie sehr sie sich in bibliothekarischen Medien darstellen: Ihre Wirkung und ihre Aufgaben sind lokal. Und zudem sind sie Ausnahmen. Die meisten Öffentlichen Bibliotheken sind kleine Bibliotheken, nicht in Großstädten, sondern im ländlichen und suburbanen Raum.

Das ist kein erstaunlicher Fakt, es ist nur erstaunlich, wie oft das vergessen zu werden scheint. Aber das ist in der pädagogischen Literatur zu pädagogischen Einrichtungen nicht anders. Auch Schulen und Kindertagesstätten wirken vor allem lokal. Trotzdem werden sie gerne als Einrichtungen angesehen und beschrieben, die sich an nationalen und internationalen Entwicklungen und Rahmen zu orientieren hätten.

Gleichwohl: Es gibt mehr pädagogischen Literatur und Forschung, als bibliothekarische. Wenn sich auch die Aussagen und Daten aus der pädagogischen Literatur fast nie direkt übertragen lassen, ist ein Blick in sie gerade für Öffentlichen Bibliotheken aufgrund der Strukturähnlichkeiten der Einrichtung Schule, Kindertagesstätte und Bibliothek immer wieder lohnend.

Verwiesen sie hier auf zwei kürzlich erschienene Publikationen zur Frage der Möglichkeiten und Grenzen der Arbeit von Kindertagesstätten im lokalen Raum.

Holger Brandes, Sandra Friedel und Wenke Röseler untersuchen in „Gleiche Startchancen schaffen!“ die Frage, ob und wenn ja, wie weit Kitas in der Lage sind, Bildungsbenachteiligungen auszugleichen. Die empirische Seite ihrer Studie bezieht sich auf Sachsen, interessanter ist allerdings die theoretische Darstellung. Entgegen dem reißerischen Titel ist ihre Studie nämlich sehr ehrlich und skizziert gerade Problemstellungen, insbesondere die Frage, wie strukturelle Benachteiligungen überhaupt im lokalen Rahmen von den Erzieherinnen und Erziehern sowie den Kindertagesstätten als Institutionen wahrgenommen werden können. Sie erkennen vor allem die Tendenz, soziale Unterschiede entweder zu negieren oder deren Wirkmächtigkeit mit einem „alle Kinder sind unterschiedlich“ zu verschleiern. Die Studie gibt wenig Anlass zur Hoffnung, vielmehr macht sie die Frage komplexer. Aber es ist am Ende klar, warum einfache Antworten nicht helfen.

Caroline Müller untersuchte in ihrer Dissertation „Kommunale Bildungslandschaften als Entwicklungsraum früher Bildung, Betreuung und Erziehung“ die Einbindung von Kindertagesstätten im lokalen Raum. Ihre Empirie basiert auf die Stadt Ulm und die dortigen Anstrengungen, regional ein Netz von Betreuungsformen für Kinder einzurichten, dass sowohl soziale gerecht als auch divers sein soll. In Ulm wird der bekannten Vorstellung gefolgt, dass regionale Netze und Kooperationen im Bildungs- und Freizeitbereich sinnvoll wären und zudem bessere Ergebnisse für die Nutzerinnen und Nutzer zeitigen würden, als wenn die Einrichtungen nebeneinander arbeiten würden. Müller zeigt anhand von Ulm auf, wie groß die Versprechen dieser Netzwerke sind, wie unterschiedlich und arbeitsreich die Praxis und wie schwierig die vorgebliche bessere Ergebnisse nachzuweisen sind. Auch dieses – teilweise sehr zäh zu lesende – Studie entlässt niemand mit einer einfachen Antwort. Lokale Kooperation ist kein Allheilmittel, aber auch nicht immer sinnlos.

So wenig erbauend die Ergebnisse beider Studien sind, ist aus ihnen doch auch für Öffentlichen Bibliotheken zu lernen, das die lokale Arbeit komplexer ist, als es in den Konzeptpapieren und Überblicksartikeln erscheint.

Autor: Karsten Schuldt

Bibliothekswissenschaftler am Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft, HTW Chur. Außerdem Redakteur LIBREAS. Pendelt zwischen Hauptort mit Geschichte (Chur), Grossstadt (Berlin) und ähm.... (Zürich).

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