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Die „Strebothek“ als verbale Hipsterbude – Teil II

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Ging es letzten Donnerstag bei Karsten Schuldts gelungenem Artikel „meine beitrags- / lyrik ist hübscher / als deine // dude“ um gehöriges Bullshit-Bingo von Bibliotheken für Bibliotheken, soll sich mein heutiger Beitrag der Verbalentgleisung zwischen Bibliothek und Jugend widmen.

Fangen wir mal an der Haustür an: „Medien@age“ steht da in Dresden auf dem Klingelschild, „Hoeb4U“ in Hamburg, Augsburg nennt die eigene Jugendbibliothek „relax“, in Gladbeck werden die jungen Besucher als „Youngsters“ bezeichnet… Ich möchte hier nicht die inhaltlichen Arbeiten der jeweiligen Bibliotheken diskreditieren. Es geht mir vielmehr um eine Sprache, die so facettenreich wie kurzlebig und gerade deshalb Vorsicht geboten ist mit – häufig vermeintlichen – jugendlichen Ausdrücken…
Ich will auch gar nicht sagen, dass es da in meiner eigenen Stadtbibliothek besser aussieht: Da heißen die Regale im Bereich der Jugendszene „Lifestyle“, „Reality“ oder „Jobs“ und „Help“; bei der ekz.Bibliotheksservice GmbH tituliert man dieses ganze Konzept „freestyle“. Zwangsanglizismisierung könnte man dazu sagen. Aber geht der Trend nicht eher wieder zum Regiolekt und teilweise sogar zum Ethnolekt? Schon 1989 erkannte Margot Heinemann dass Regionalismen für die Jugendsprache von großer Bedeutung sind:

„Berlin wird von den meisten Jugendlichen als Umschlagplatz für neue Ausdrucksmittel angesehen. […] es sprechen einige Indizien dafür, daß die derzeit zu beobachtende Hinwendung der Jugendlichen zu Dialekt auch mit dem Wunsch zusammenhängt, sich von den Stadtsprachen zu distanzieren.“
(Kleines Wörterbuch der Jugendsprache / Margot Heinemann. – VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1989. – S. 30)

Wenn ich „Jugendsprache“ schreibe, meine ich nicht eine bestimmte Sprache. Es gibt nicht DIE Jugendsprache. Zu verschiedenen Zeiten wird anders gesprochen. Wollen wir wirklich unseren ganzen Jugendbestand umsignieren, weil auf dem Buchrücken noch ein Regalstandort steht, der vor fünf Jahren vielleicht mal angesagt war, heute aber schon wieder total „out“ ist? Müssen wir ein so kurzlebiges Vokabular unglaubwürdig nachplappern und sogar auf unsere Fahnen schreiben? Manche Begriffe tauchen wieder auf, doch häufig erst nach langer Zeit:

„Auch Archaismen […] werden von Jugendlichen wiederentdeckt und notfalls uminterpretiert. […] Dazu gehören z.B.: Klampfe – Konzert- oder Elektrogitarre, Grimm haben – sich ärgern, Rast machen – in eine Kneipe gehen“ (ebenda, S. 30 f.)

Das jährlich erscheinende „Hä?? Jugendsprache unplugged“ vom Verlag Langenscheidt arbeitet direkt mit Jugendlichen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammen, die stets ihre Vorschläge auf der Seite www.jugendwort.de einreichen können. Das Langenscheidt-Wörterbuch, außerdem mit Begriffen in Englisch, Französisch und Spanisch, fasst sich in der Vorrede etwas kürzer:

„Manche der Wörter werden nur regional, andere in ganz Deutschland und darüber hinaus verwendet, viele sind gerade überall in, manche nur in bestimmten Gegenden, aber eins ist allen gemeinsam: Sie zeigen, wie fantasiereich und kreativ Jugendliche Sprache verwenden.“ (Hä?? Jugendprache unplugged 2011. – Langenscheidt, 2011. – S. 3)

„Topaktuell“, „angesagt“, „in“ und „supercool“ tauchen im bibliotheklichen Alltag bei Angeboten für junge Leute nicht selten auf. Das ist alles andere als kreativ, klingt wie selbstüberschätzende Werbesprache, ist gekünstelt und mindestens fünf Jahre zu spät.
Außerdem kommt das Jungvolk auch nicht an meine Theke und fragt: „Ey Alde, ich brauch mal’n Wälzer über diese Aspirin-Fee, na, Miss Nightingale! Ich rall das nämlich nicht, was die alles so gelötet hat und ich schieb schon voll die Paras wegen der nächsten Pausenbrücke.“
Nö. Da kommt gar keiner von den Jungschern auf die Idee. Egal wie ich in den Wald hineinrufen würde, so kommt es nicht wieder heraus. Der Jugendliche versteht auch Normaldeutsch, wirklich, und erwartet von mir auch nicht, dass ich mich seinem Slang anpasse.

Nüchtern ist aber auch irgendwie blöd, um Interesse zu wecken. Doch warum nicht selber clevere Worte schöpfen und neuentdecken, lokale Besonderheiten wiederbeleben, zeitlos kommunizieren? Sowas kommt garantiert bei den Jungspunden gut an. Leicht gesagt, ich weiß. Doch vielleicht wird so eine Art von Pflege der Deutschen Sprache ja auch von einer Öffentlichen Bibliothek erwartet? Dass es so auch gehen kann, beweist zum Beispiel die Kinder- und Jugendbibliothek der Stiftung Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB). Die wurde nämlich – sicher in Anlehnung an den U-Bahnhof Hallesches Tor – auf den Namen „Hallescher Komet“ getauft. Während die Kinder beim Wortspiel eventuell fragend aus der Wäsche schauen, denkt die Jugend vielleicht an den berühmten Halleyschen Kometen… bestimmt schon mal in der Schule gehört… und falls nicht, so macht der Name auf jeden Fall neugierig und bleibt hängen.
Auch das Konzept „Von Jugendlichen für Jugendliche“ ist der richtige Weg. In Hamburg wirken die FaMIs zumindest am Bestandsaufbau fleißig mit.

Zu guter letzt möchte ich den Lesern hier nicht vorenthalten, wie die Jugend unsere geliebte Bibliothek nennt, gestern wie heute:

In der DDR sprach man von „Strebothek“ (Kleines Wörterbuch der Jugendsprache, 1989) ; im Langenscheidt ist diese 12 Jahre später immerhin schon zur „Streberburg“ (Hä?? Jugendprache unplugged, 2011) angewachsen, immerhin. In 12 Jahren haben wir Strebertempel.

Selbstironie ist übrigens der erste Schritt zur wahren Coolness, also welche Streberburg ist die erste und bekennt und benennt sich auch als solche?

;-)

Ganz nebenher bemerkt sind beide hier genannten Titel köstliche, inspirierende Unterhaltungslektüre.

Foto (cc): Carlos Castaneda via flickr

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