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Forschungsevaluation? Ja, bitte – aber durch wen?

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Letzte Woche fand die diesjährige „Göttinger Universitätsrede“ statt (s. a. Göttinger Tageblatt). Diese Veranstaltung entspricht in etwa dem, was man an anderen Universitäten die „feierliche Eröffnung des akademischen Jahres“ o. ä. nennt: Preise werden verliehen, und eine Rede über ein Thema von mehr oder weniger allgemeinem und doch wissenschaftlichem Interesse wird gehalten. In diesem Fall konnte sogar ein wenig Zeit dadurch gespart werden, daß die Rednerin Helga Nowotny (European Research Council) zufällig zugleich eine der Preisträgerinnen war. Das Thema ihres Vortrags lautete „Auf der Suche nach Exzellenz – Wie viel Evaluierung verträgt das Wissenschaftssystem?“, und als Bibliothekar denkt man sich natürlich: Da müßte es doch um Bibliometrie gehen.

Zwar hatte Nowotny die undankbare Aufgabe, nach dem amtierenden deutschen Science-Slam-Meister Boris Lemmer, der einen anderen Preis verliehen bekommen und eine Kostprobe seiner Slammer-Fähigkeiten zum Besten gegeben hatte, zu referieren. Doch schon bald fielen in ihrer Rede die Stichworte, die den bibliometrisch interessierten Zuhörer aufhorchen lassen: Robert K. Merton, Matthäus-Effekt, Paretoverteilung… Sogar eine Gegenüberstellung von Publikations- und Zitationszahlen für Europa, USA und China (aus Scopus-Daten) wurde gezeigt.

In einer für diesen Kontext erstaunlichen Offenheit bekannte sich Nowotny zu der Meinung: Forschungsleistung sei meßbar, und zwar am besten durch Publikationszahlen. So weit, so gut, doch die entscheidende Botschaft folgte gegen Ende der Rede: Forschungsevaluierung dürfe man nicht der Politik überlassen, denn diese müsse Aufgabe der Wissenschaft selbst sein. Was aber meint Nowotny damit genau? Immer wieder kam sie auf die Rolle der „peers“ zu sprechen, also auf das Prinzip, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler durch Mitglieder derselben jeweiligen Scientific Community bewerten zu lassen. Demnach evaluiert also der Physiker die Physikerin, die Biologin den Biologen – und was macht die Bibliothekarin? Die beobachtet womöglich mit Argwohn den Schindluder, der mit bibliometrischen Daten getrieben wird, oder fragt sich gar, warum sie das eigentlich studiert hat.

Damit möchte ich natürlich nicht sagen, daß es nicht erforderlich wäre, bei einer bibliometrischen Analyse die spezifischen Publikationsgepflogenheiten der betreffenden Disziplin zu berücksichtigen – am besten durch Einbeziehung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des jeweiligen Fachs. Ebensowenig möchte ich einer Wissenschaftssoziologin wie Helga Nowotny die erforderliche bibliometrische Kompetenz absprechen. Nur kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß es außerhalb des LIS-Bereichs kaum bekannt ist, daß es ja eigentlich Expertinnen und Experten für Bibliometrie gibt.

[Foto der Aula der Universität Göttingen von Andreas Praefcke, CC-BY]

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