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Verschämtes, verschwiegenes Lesen und Arbeiten online — Wir müssen reden

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Jens Mittelbach hat in seinem Weblog vor ein paar Wochen an einem aktuellen Beispiel gezeigt, daß die “Informationskompetenz” von Bibliothekaren und Medienpädagogen leider nicht immer auf dem Stand der Zeit ist, aber dennoch als Standard “richtiger” Informationsbeschaffung und -verarbeitung dargeboten wird.

Gerade die vermeintlich moderne (digital, interaktiv, selbstgesteuert etc.) Form eines Online-Selbsttests transportiert in Jens Mittelbachs Beispielfall den hohen normativen Anspruch der Fragesteller. Teste dich selbst — wir kennen die richtige Antwort bereits, aber auch die Versuchung, bei der “Suche nach aktuellsten Informationen” neben “(Fach-)Zeitschriftenartikel in gedruck­ter Form oder im Inter­net” (das wäre die einzige korrekte Antwort gewesen) auch Wikipedia und Twitter (falsche Antwort) zu benutzen!

Ich will an dieser Stelle nicht erneut darlegen, was an diesen vermeintlichen Standards der Informationskompetenz falsch ist; wer ‘aktuellste (Fach-)Zeitschriftenartikel’ zum Thema Informationspraxis kennt (Beispiel), wird das bereits wissen. Mich interessiert vielmehr: Welche soziale Realität schaffen wir im Zusammenspiel mit den ‚Informationskompetenz-Lernenden‘, wenn wir aktuelle Entwicklungen ignorieren, und wenn die Lernenden in unserem Lehrangebot vor allem die Maßstäbe der Prüfer und Hausarbeiten-Gutachter wiedererkennen, und weniger eine pragmatische Unterstützung beim Bewältigen der Hausarbeit?

Eine interessante Antwort darauf gibt der Weiterbildungs-Experte David White (Blog, Twitter, Arbeit). Er spricht von einem Learning Black Market, der durch die wechselseitige Abschottung des realen Hausarbeiten-Schreibens von den Informationskompetenz-Schulungen entstehe. Seinen Beobachtungen zufolge werden viele Hausarbeiten auf dem folgenden Weg geschrieben:

  1. Suche mit Google
  2. Umschreiben von Teilen des gefundenen Wikipedia-Artikels
  3. Nennung der Wikipedia-Literaturnachweise als Quelle
  4. Ad-hoc-Zusammenarbeit mit Mit-Studenten via Facebook unmittelbar vor dem Abgabetermin

Über diesen Weg, so die Überzeugung der meisten Lernenden, könne man allerdings nicht offen sprechen. Es entspricht schließlich nicht dem Ideal vom ‘selbständigen, mühevollen Lernen mit hochwertigen Fachmedien’, mit dem sie seitens ihrer Prüfer, Gutachter und Bibliothekare konfrontiert sind.

Über die hastige, intensive Kollaboration in der Nacht vor der Abgabe beispielsweise kann man kaum sprechen, wenn die überprüfbar eigene Leistung alles ist, der Rest hingegen unter einen diffusen Plagiarismus-Verdacht fällt.

Als ob Lernen nicht gemeinsam möglich sei. Als ob Wissensproduktion generell heute nicht typischerweise ein kollaborativer Prozeß ist. (Übrigens gerade in Berufen, die eine wissenschaftliche Ausbildung erfordern.) Als ob die Wikipedia nicht ein Ort ist, an dem das gemeinschaftliche Erschaffen einer Wissensquelle kritisch untersucht und erprobt werden kann.

David White hatte bereits vor ein paar Jahren mit seiner Digital Visitors and Digital Residents-These treffend Marc Prenskys berühmte Entgegensetzung von ‘Digital Natives and Digital Immigrants’ kritisiert. (Teilnehmer meiner Information Literacy (R)Evolution-Workshops kennen das längst. David White hat seinen vielzitierten Weblog-Artikel mittlerweile auch zu einem Artikel in einer „richtigen“ Fachzeitschrift ausgebaut.) Nun hat er mit dem ‘Learning Black Market’ eine neue treffende Beobachtung dieser Art gemacht. Wir müssen dringend darüber reden.

Abbildung: BBluesman, Black Market (CC BY-NC-SA, http://www.flickr.com/photos/bbluesman/6265764549/)

Autor: Lambert Heller

Bibliothekar. Interessiert sich für (wissenschaftliche) Kommunikation im Netz, Open Access, Open Knowledge Production, Literaturverwaltung und Bibliothek 2.0. Mehr über mich.

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