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Bibliothekarische Stimmen. Independent, täglich.

6. Oktober 2017
von Renke Siems
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Unser industrielles Erbe – Bibliotheken und die digitale Transformation

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts erreichte die Industriearbeit Produktivitätsfortschritte größten Ausmaßes und wurde damit zum strukturellen Vorbild der Büroarbeit auch zu einer Zeit, als dort und nicht mehr in der Industriearbeit die meisten Arbeitsplätze versammelt waren. Die Anforderung, zur weiteren wirtschaftlichen Entwicklung nun in der Büroarbeit ähnliche Fortschritte in der Produktivitätsentwicklung zu erzielen, führt im 21. Jahrhundert zur sukzessiven Ablösung von routineorientierten zu kreativitätsorientierten Tätigkeiten in den Informations- und Dienstleistungsberufen, wobei die routineorientierten mit dem Anwachsen digitaler Möglichkeiten zunehmend automatisiert werden. Im hochschulischen Kontext fand dieser Paradigmenwechsel hin zur digital geformten Wissensarbeit in der Weise bislang nicht statt, da diese beiden Paradigmen schon zuvor nebeneinander existierten: In der Funktionsweise von Verwaltung und Bibliothekswesen lässt sich das industrielle Erbe erkennen, während die Wissenschaft, die das Internet begründete, seitdem einen eigenständigen Weg in die Wissensarbeit sucht. Dabei erweist sich allerdings die industriegesellschaftlich und vordigital geprägte hochschulische Governance als Hemmschuh sowohl für die Wissenschaft wie für die Bibliotheken. Für eine produktive Entwicklung der wissenschaftlichen Kommunikation ist daher eine Ablösung vom industriellen Erbe anzustreben, was für die Bibliotheken einen grundlegenden Wandel in Habitus und Dienstleistungsangebot bedeutete und für die Hochschulen eine Veränderung der Governance-Strukturen.

 

In the course of the twentieth century, industrial work achieved gains in productivity of the greatest magnitude. Through this, the structures of industrial work organization became the model for office work, even at a time when most jobs were concentrated there and no longer in the industrial sector. In order to achieve further economic development, in the 21st century, the requirement to achieve similar advances in productivity development in office work led to the replacement of routine-oriented with creativity-oriented activities in the information and service-related professions. But in the context of higher education, this paradigm shift towards digitally shaped knowledge work has not yet taken place, since these two paradigms already existed side by side: The industrial heritage can be recognized in the functionality of administration and library systems, whereas science, which set the foundation for the Internet, still seeks its own separate path to knowledge work. In this process, higher education governance, which is pre-digital and shaped by industrial society, proves to be a hindrance to both science and libraries. Therefore, for a productive development of scientific communication, we should strive for a replacement of the industrial heritage, which means a fundamental change in habitus and service provision for the libraries and a change in governance structures for the universities.