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Wo ist nur der Katalog? Über unterschiedliche Sehgewohnheiten und Affinität zum Web 2.0 (DNB und BNF im Vergleich)

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Ruft ein deutscher Wissenschaftler zum ersten Mal die Website der französischen Nationalbibliothek auf, so ist er zumeist ratlos. In deutschen Augen wirkt die Internetpräsenz der BNF zunächst mal bunt. Und unübersichtlich. Ist der kleingeschriebene, dicht gesetzte Text (alles Links) im unteren Drittel eigentlich barrierefrei? Und wo ist nur der Katalog? Man muss schon ganz genau hinsehen, um den Link auf die Kataloge dann schließlich zu entdecken. Sie sind mittlerweile an die zweite Stelle der zweiten Spalte gerückt, hinter die digitale Bibliothek Gallica!

Dagegen mutet umgekehrt die Website der deutschen Nationalbibliothek in französischen Augen streng an. Und langweilig. Es bewegt sich gar nichts. Der Katalog ist in der Hauptnavigation, klar. Diese befindet sich, wie es bei deutschen Websites üblich ist, auf der linken Seite. Überhaupt stehen, typisch deutsch, praktische Erwägungen im Vordergrund dieses Internetauftritts. Das zeigt sich schon daran, dass die Postdresse der DNB prominent, aber unmotiviert, ganz oben unter dem in Großbuchstaben gedruckten „Willkommen bei der Deutschen Nationalbibliothek“ steht. In der Mitte sind dann groß platziert die News der DNB. Zum Entdecken lädt hier nichts ein.

Was der eine zu viel macht, macht der andere vielleicht zu wenig. Französische Websites sind – nicht nur im Bibliotheksbereich  – oftmals verspielter aufgebaut als deutsche Seiten. Sie sind nicht so gerade und so deutlich an utilitaristischen Erwägungen ausgerichtet. Dafür muss aber mehr gesucht werden. Discovery-Modelle könnten eigentlich aus Frankreich kommen. Hier mag man große Knöpfe als Links, bunte Farben und ein Aufbau von Websites, der die Seite nicht in gedachte Spalten aufteilt, sondern als ganze Fläche denkt.

Sieht man jedoch genauer hin, so wird klar, dass die unterschiedlichen Webauftritte der beiden Nationalbibliotheken nicht nur den Sehgewohnheiten des jeweiligen Landes geschuldet sind (über die ich gerne mal eine Studie lesen würde). Die Visitenkarte „Webauftritt“ sagt auch etwas über die Modernität der jeweiligen Einrichtung, über die unterschiedliche Affinität in Bezug auf die sozialen Medien und über den Versuch, Gemeinschaften nicht nur durch den gedruckten Bestand an die Bibliothek zu binden.

Auf der Website der Deutschen Nationalbibliothek sucht man Linkbuttons zu den sozialen Netzen vergebens. Bei der BNF sind sie dagegen auf jeder Seite gut sichtbar platziert, und zwar gleich acht Stück: ein Link zu den RSS-Feeds, zum Blog, zum Newsletter, zur Hauptfacebookseite, zu den Unterfacebook- und Untertwitterseiten (ja ja), zu den Videos der BNF bei Dailymotion und zum Youtube-Channel der Bibliothek, den es auch seit gut zwei Monaten gibt.

Fünf Facebookseiten hat die BNF insgesamt: die Hauptseite der BNF, die Seite von Gallica (sehr empfehlenswert, vor allem das Freitagsrätsel), die Seite „Classes BNF“ für Lehrende und ihre Schüler, eine Seite für Kinder von 6-12 und eine Seite speziell für Leser und zukünftige Leserinnen. Dort und nur dort werden dann Schließungen der Lesesäle und andere langweiligere, praktische Dinge gepostet. Die übrigen Seiten lassen sich kreativ aus und laden zum Mitmachen ein. Oder zum Nachahmen…

Autor: Mareike König

Leiterin der Bibliothek am Deutschen Historischen Institut Paris

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