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Beratungsliteratur. Ehrlich? Puh.

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In medizinischen Fragen und bei Fragen der Kindererziehung wenden sich die meisten Menschen in erster Linie gerade nicht an Expertinnen und Experten, medizinisches oder pädagogisches Personal. Nein, der Großteil der Beratung kommt von Bekannten und Verwandten. Alle anderen Quellen sind zweitrangig. Ist das gut, ist das schlecht? So richtig klar ist das nicht. Es funktioniert ja meistens irgendwie. Aber sowohl in der Medizinische Soziologie, den Rehabilitationswissenschaften und den Erziehungswissenschaften ist immer wieder einmal Thema, dass die Beratungseinrichtungen und -infrastrukturen für medizinische und pädagogische Fragen nie im Vordergrund des Informationsvermittlung stehen, sondern oft erst dann genutzt werden, wenn „andere Quellen“ abgeschöpft sind. Das heißt: Pädagogisches und medizinisches Wissen a la „bei meinem Kind haben wir das so und so gemacht und das hat geholfen“, „meine Schwester hat bei ihren Kinder das und das versucht, und das ist nicht gut gegangen“, „ich sag dir, das ist ein Schnupfen, da musst du nicht mit zum Arzt, da legst du dich einfach hin und trinkst Kamillentee“ sind in der Realität wirkungsmächtiger als professionelles Wissen. Da wir in einer einigermaßen aufgeklärten Gesellschaft leben, hat das zum Glück immer weniger mit Aberglauben zu tun, aber ist doch kein unwichtiger Fakt.

Die Bibliotheken finden sich bei den Umfragen dazu, wo Menschen ihr medizinisches und pädagogisches Wissen herholen, zumeist gar nicht erst unter den Antworten. Die gesamte Beratungsliteratur allerdings boomt und wird immer wieder genannt. Beratungsliteratur sind all die populärwissenschaftlichen Ratgeber, vor allem zur Kindererziehung. Egal ob auftrumpfend (Kindern Grenzen setzen – wann und wie“ [Cornelia Nitsch & Cornelia von Schelling, München 2004], „Jedes Kind kann Regeln lernen“ [Annette Kast-Zahn, München 2007]) oder mehr reflektierend („Das Geheimnis gelassener Erziehung: Wie Eltern das rechte Maß finden“ [Holger Schlageter, Frankfurt am Main 2009]), egal ob punativ (Nein aus Liebe: Klare Eltern – starke Kinder“ [Jesper Juul & Knut Krüger, München 2008], Die Super Nanny: Glückliche Kinder brauchen starke Eltern“ [Katharina Saalfrank, München 2007] – der Klassiker) oder aufgeklärt und partnerschaftlich angelegt (Grenzen, Nähe, Respekt: Auf dem Weg zur kompetenten Eltern-Kind-Beziehung“ [Jesper Juul & Alken Bruns, Reinbek 2009], Ermutigen statt kritisieren: Ein Elternratgeber nach Rudolf Dreikurs“ [Barbara Hennings & Gisela Niemöller, München, 2007]) – die Anzahl der verlegten Titel und die verkaufte Auflagenhöhe steigt seit einigen Jahren kontinuierlich an. Sie ist zu so etwas wie einer „sicheren Bank“ für jede Buchhandlung geworden. Eine ganze Anzahl von Titeln werden zu Longsellern und es ist eigentlich zu vermuten, dass sie einen Einfluss auf das Erziehungsverhalten von Eltern haben. (Ähnlich verhält es sich mit den medizinischen Ratgebern.)

Der vermutete Einfluss ist so groß, dass sich die Erziehungswissenschaften mit dem Phänomen auseinandersetzen und dabei feststellen, dass sie selber – als die eigentlich professionelle Wissensproduktionsquelle zum Thema – gar nicht so viel Einfluss haben. Die Ratgeber scheren sich kaum um die Erziehungswissenschaften – um das einmal verkürzt zu sagen. Nicht nur, dass die Forschung quasi nicht rezipiert, sondern nur dann herangezogen wird, wenn sie einmal die Argumentation der Autorinnen und Autoren unterstützt. Vielmehr ignoriert ein Großteil der Ratgeberliteratur auch die pädagogischen Diskussionen und Entwicklungen der letzten 50 Jahre.

Es ist tatsächlich immer wieder erschreckend, wie (a) simpel und naiv und (b) autoritär in vielen Erziehungsratgebern Kindererziehung gedacht und beschrieben wird. Nicht nur, dass gerade in den meistverkauften Ratgebern gerade autoritäre Konzepte der Erziehung (Strafen, Grenzen ziehen, Regeln aufstellen, über das Kind hinweg entscheiden et cetera) hoch gehalten werden. Auch ist die Argumentation in den meisten Ratgebern erstaunlich einfach: Die besprochenen Probleme werden auf jeweils eine Lösung heruntergebrochen, die einmal richtig angewandt tatsächlich auch die Probleme grundsätzlich lösen soll. Dabei ist es ganz egal, was diese Lösung genau ist oder ob das jeweils beschriebene Problem überhaupt ein Problem darstellt: Es wird im erzieherischen Alltag nie so funktionieren, sondern bestenfalls graduelle Änderungen hervorrufen. (Siehe dazu: Erziehungsratgeber und Erziehungswissenschaft: Zur Theorie-Praxis-Problematik populärpädagogischer Schriften“ [Michaela Schmidt, Bad Heilbrunn 2011], Pädagogische Ratgeber in Buchform – Leserschaft eines Erziehungsmediums“ [Nicole Keller Hefti, Basel 2008], Familienberatung von der Super Nanny: Zwischen Fachlichkeit und Dramatisierung“ [Elisabet Helming, Sozialmagazin 07/08 2010, S. 14-20]) Und dennoch: Die Ratgeber verkaufen sich. Wie Nicole Keller Hefti (allerdings für die Schweiz) mittels einer Umfrage herausgearbeitet hat, wird das in ihnen reproduzierte Wissen nicht eins zu eins übernommen, sondern von den Eltern interpretiert, teilweise auch als Bestätigung ihrer eigenen Erziehungspraxis verwendet. Das allerdings nur, wenn die Ratgeber überhaupt gelesen werden. Relativ oft werden sie laut Keller Hefti vorher abgebrochen, weil die Eltern sie als zu schlecht einschätzen.

Dennoch drängt sich eine Frage auf: Was machen eigentlich Öffentliche Bibliotheken? Wie reagieren sie auf diese Ratgeber? Die Buchhandlungen haben meist kapituliert: Egal, was in den Ratgebern steht, sie weden groß präsentiert. Speziell ausgelegt werden – zumindest wenn man in Berlin Stichproben macht – vor allem die autoritär und punativ argumentierenden Ratgeber. Also gerade die, in denen behauptet wird, gute Eltern würden mit Regeln und Grenzen, statt mit Kommunikation und partnerschaftlicher Erziehung arbeiten. Ist das moralisch eigentlich zu vertreten, solche Ratgeber zu promoten? Will man Eltern wirklich Bücher in die Hand geben, die behaupten, dass sie ihren Kindern in gewisser Weise befehlen können, zu gehorchen? Sicherlich dürfen alle Nutzerinnen und Nutzer einen Bibliothek lesen, was ihnen zusagt. Aber ist das bei solchen Ratgebern nicht auch bedenklich? Hat die Öffentliche Bibliothek nicht den, zum Teil selbstgestellten, Auftrag, solchen im Prinzip antidemokratischen Positionen andere Positionen entgegenzustellen? Ist es nicht zumindest widersprüchlich, auf der einen Seite dazu beitragen zu wollen, dass Kinder und Jugendliche stark und autonom werden, sich selbst ausdrücken und in die Gesellschaft einbringen und auf der anderen Seite Ratgeber bereitzuhalten die gerade zu autonome Kinder und Jugendliche als Problem definieren? Sollte sie dazu zumindest auch „die anderen“ Erziehungsberater anbieten? Sollte sie sich zur Beratungseinrichtung über Erziehungsberatgeber aufschwingen? Sollte sie in Kooperation mit professioneller Beratungsinfrastruktur andere Formen und Inhalte der Erziehungsberatung forcieren?

Immerhin scheint es ein Interesse von Eltern zu geben, sich über Erziehungsfragen zu informieren. Das „aus dem Bauch heraus entscheiden“ scheint im Bereich Erziehung immer weniger als richtig akzeptiert zu sein. Andererseits: Die Zunahme der verkauften und verlegten Erziehungsberater führt offenbar nicht, wie man vermuten könnte, zu einer autoritären Erziehung. Nicht nur, dass immer mehr Eltern den Anspruch haben, informiert zu erziehen; auch nimmt das Idealbild der partnerschaftlichen Erziehung immer mehr Raum ein. Selbst so erfolgreiche TV-Sendungen wie die Super-Nanny, die aktiv punative Erziehungsweisen propagieren, stehen immer mehr in der Kritik (Beispielsweise in pointierter Form bei fernsehkritik.tv hier und hier, oder in offiziellerer Form auch beim Kinderschutzbund) und entfalten offenbar nicht die Wirkung in der alltäglichen Erziehung, die man erwarten könnte. Es sind und bleiben die Verwandten und Bekannten, die den größten Einfluss auf die Erziehung haben – und die werden, wie die Gesamtgesellschaft, in der Tendenz (immer mit Ausnahmen) immer aufgeklärter, liberaler und partnerschaftlicher. Insoweit könnte man auch vermuten, dass es irgendwie egal ist, welche Erziehungsratgeber in Bibliotheksbeständen enthalten sind.

Dennoch: Die Erziehungswissenschaft hat zum Teil (wieder) begonnen, sich mit den Ratgebern auseinanderzusetzen, da sie offenbar eine Relevanz haben – obgleich nicht klar ist, welche. Sollten Bibliotheken das auch tun?

 

[Photo:  Klaus Friese aka HamburgerJung (http://www.flickr.com/photos/hamburgerjung/141238574/) CC BY-SA 2.0]

Autor: Karsten Schuldt

Bibliothekswissenschaftler am Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft, HTW Chur. Außerdem Redakteur LIBREAS. Pendelt zwischen Hauptort mit Geschichte (Chur), Grossstadt (Berlin) und ähm.... (Zürich).

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